Michael Quast in Bensheim

Morgen Abend wird der Gertud-Eysoldt-Ring im Parktheater Bensheim verliehen.
In diesem Jahr wurde der Schauspieler, Kabarettist und Regisseur Michael Quast für die Moderation gewonnen. Wir freuen uns sehr auf einen unterhaltsamen Abend.

Zur Person:
Michael Quast wurde 1959 in Heidelberg geboren. Er studierte an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart. Es folgten Engagements am Theater Ulm, am Düsseldorfer Kom(m)ödchen, am Schauspiel und an der Oper Frankfurt, am Staatstheater Stuttgart, an den Hamburger Kammerspielen, am Theater Heidelberg und im Tigerpalast in Frankfurt am Main.
Quast ist Mitbegründer und Protagonist des Sommerfestivals Barock am Main – Der Hessische Molière, bei dem seit 2005 im Park des Bolongaropalastes in Frankfurt-Höchst die hessischen Molière-Bearbeitungen von Wolfgang Deichsel zur Aufführung kommen. 2008 gründete Quast mit Gleichgesinnten die Fliegende Volksbühne Frankfurt.

Wir haben Michael Quast vor seiner Moderation der Preisverleihung ein paar Fragen gestellt. Hier kommt das Kurz-Interview:

Wie oft haben Sie in den letzten Jahren moderiert?

Schon mehrmals, ganz unterschiedliche Veranstaltungen mit unterschiedlichen Themen. Meistens dabei was Neues gelernt.

Wie bereiten Sie sich auf eine Moderation vor?

Lesen, recherchieren, am Schreibtisch. Am liebsten nachts.

Sind Schauspieler die besseren Moderatoren?

Nur, wenn sie diszipliniert sind. Der Moderator hat ja eher eine dienende Funktion.

Waren Sie schon mal in Bensheim?

Ja, bei einer Tagung der Akademie. Und auf Schloß Auerbach habe ich schon Theater gespielt.

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© Dominic Reichenbach

 

Foto: © Dominic Reichenbach

Rezension II zu MICHAEL KOHLHAAS

Im Schulprojekt THEATERKRITIK schreiben Schüler*innen Rezensionen über die Stücke, die sie während der WOCHE JUNGER SCHAUSPIELERINNEN UND SCHAUSPIELER sehen. Hier kommt eine weitere Kritik zu MICHAEL KOHLHAAS vom Deutschen Nationaltheater Weimar.

Kleists „Michael Kohlhaas“- mal etwas anders
von Joshua Jung und Johannes Geißel

„Wovor haben sie eigentlich Angst?“ Mit dieser Frage brachte Thomas Kramer den fast voll besetzten Theatersaal zum Nachdenken. Das vierköpfige Ensemble des Deutschen Nationaltheaters Weimar gastierte im Rahmen der 24. Woche der jungen Schauspielerinnen und Schauspieler am Mittwoch im Bensheimer Parktheater und sorgte mit seiner Inszenierung der Novelle „Michael Kohlhaas“ von Heinrich von Kleist für gemischte Gefühle unter den rund 500 Zuschauern.

Michael Kohlhaas, ein Pferdehändler, der Mitte des 16. Jahrhunderts lebte, verliert durch einen Betrug zwei seiner wertvollen Pferde sowie seine Frau durch einen Gewaltakt. Er zieht, nachdem seine Klage gegen seine unrechtmäße Behandlung vor Gericht keinen Erfolg hat, auf einen Rachefeldzug gegen den seiner Meinung nach schuldigen Junker von Tronka. Dabei brennt er mehrere Burgen und Städte nieder. Schlussendlich wird ihm vom Kurfürsten von Brandenburg Recht gegeben, und Kohlhaas erhält seine Entschädigung, die ihm nun nichts mehr nützt, da er für seine Verbrechen ebenfalls zur Rechenschaft gezogen und hingerichtet wird.

Diesen historischen Inhalt versuchten die Darsteller Isabel Tetzner, Thomas Kramer, Jonas Schlagowsky und Marcus Horn unter der Regie von Sebastian Martin auf die heutige Zeit zu übertragen und schlüpften in die Rolle von vier Rechtsextremen, mittels derer sie versuchen das Publikum vor en aktuellen radikalen, nationalistischen und oft rassistischen Ansichten zu warnen. Häufig passierte es, dass diese überzeugend dargestellten rechten Aussagen erst realistisch und damit berechtigt wirkten. Bei genauerem Nachdenken waren jedoch häufig Widersprüche innerhalb der Äußerungen zu erkennen. Von Sebastian Martin erfuhren die Zuschauer in der Nachbesprechung, dass dies die Gefahr zeigen sollte, die von heutiger, meist in guten Reden und Formulierungen versteckter, rechter Politik und Propaganda ausgeht. Zusätzlich sollte es dazu anregen, die aktuelle politische Lage Deutschlands und Europas gut zu überdenken.

Die eindrucksvolle Bühne (Kaja Bierbrauer) war eine Art Podest aus getäfeltem Holz, die sowohl in die Zeit der Novelle als auch in die heutige einzuordnen ist. Besonders auffällig war ein halb durchsichtiges Transparent, das die Bühne, wie eine Wand, in einen hinteren und einen vorderen und damit in zwei verschiedene Handlungsabschnitte teilte. Dem Publikum war es möglich, durch diese Wand hindurch zu sehen und damit Handlung auf einer zweiten Ebene zu beobachten.. Zusätzlich diente das Tuch als Leinwand auf der live von der Bühne übertragene Videosequenzen abgespielt wurden, die neben der vorderen und hinteren Bühne damit eine dritte Ansicht der Handlung für das Publikum bot. Der Pferdekadaver in der Mitte der Bühne symbolisierte die abgemagerten und halb toten Pferde des Rosshändlers Michael Kohlhaas. Klar ersichtlich war, dass das tote Pferd ebenfalls die aktuelle zerbrechende Lage Deutschlands und Europas darstellen sollte. Die Kostüme (Kaja Bierbrauer) gingen von aufsetzbaren Pferdeköpfen und Hosenträgern bis hin zu Bomberjacke und Pistole. Dadurch waren die wechselnden Rollen (sowohl Handlungsträge, als auch erzählende Rollen) der vier jungen Schauspieler gut erkennbar.

Einen hervorragenden Übergang von Handlung der Novelle in eine aktuelle rechtsextreme Meinungsäußerung lieferte Marcus Horn unter anderem in der Rolle von Herse des Stallknechts von Kohlhaas. Innerhalb eines Monologs verwandelte sich der Knecht in einen heutigen sozial zurückgesetzten Bürger, der der Ansicht ist, dass der deutsche Staat die Geflüchteten bevorzugt. In dem nun politischen Monolog fallen viele Begriffe aus der rechten Politik und Szene, wodurch die Meinung dieser Figur sehr authentisch wirkte.

Eine ähnliche Wirkung erzielte auch die Propagandarede von Thomas Kramer. Sein Vergleich von Deutschen und Nicht-Deutschen mit regionalen und ausländischen Kartoffeln stieß im Publikum auf Verblüffung und Empörung. In der Nachbesprechung erklärte er, dass er mit der Rede seiner rechtsextremistischen Figur genau diese Reaktionen erzielen wollte.

Insgesamt gelang es dem Ensemble sehr gut, seine Warnung vor rechtsextremistischer Propaganda und den Inhalt von Kleists Novelle „Michael Kohlhaas“ in eine Inszenierung zu verschmelzen. Auch wenn die vier Darsteller mit viel Applaus verabschiedeten wurden, gab es ein paar Buh-Rufe.

Foto: Deutsches Nationaltheater Weimar

Rezension MICHAEL KOHLHAAS

Nach dem Gastspiel MICHAEL KOHLHAAS vom Deutschen Nationaltheater Weimar am vergangenen Mittwoch, wurde noch lange mit den Schauspieler*innen und dem künstlerischen Team über die Inszenierung, die Neudeutung des Stoffes und über rechte Bewegungen in Deutschland gesprochen. Hier kommt die erste Schülerrezension.

Kohlhaas als Held rechter Gruppierungen?
von Vitus Horneffer und Luc Chatelais

 

„Kohlhaas ist für mich eine Geschichte über Rechtsbruch, wie sie aktueller nicht sein könnte. Kohlhaas ist für mich der Mythos eines deutschen Helden.“ Solche Sätze fielen am vergangenen Mittwochabend im vollbesetzten Bensheimer Parktheater, wo das Weimarer Nationaltheater im Rahmen der „Woche junger Schauspielerinnen und Schauspieler“ eine Interpretation von Kleists Novelle „Michael Kohlhaas“ aufführte, bei der sie viele der Zuschauer mit einem mulmigen Gefühl im Bauch zurück ließen.

Das Stück erinnerte eher an eine Aufführung aus dem dritten Reich als an ein moderne Theaterinszenierung aus dem 21. Jahrhundert – und das war durchaus gewollt. Denn was Regisseur Sebastian Martin dem Bensheimer Publikum präsentierte, war keinesfalls eine klassische Nacherzählung des bekannten Stoffs, sondern viel mehr der Versuch, ein sprachliches und soziales Experiment in 80 Minuten Bühnenzeit zu vollziehen. Die Protagonisten des Stücks sind nämlich nicht Kohlhaas, sein Gegenspieler Wenzel von Tronka oder Martin Luther, wie es in Kleists Novelle der Fall ist, sondern vier Rechtsextreme, die ihre fremdenfeindlichen und nationalistischen Ansichten in der Person Kohlhaas‘ wiederzuerkennen glauben und seinen Kampf gegen die Obrigkeit auf ihren persönlichen Kampf übertragen. Die Regie will damit aufzeigen, wie Extremisten Bühnenstücke und Literatur für ihre Zwecke umdeuten und missbrauchen können.

Dabei verwenden die Extremisten jedoch nicht die altbekannten plumpen, rechten Parolen, sondern umgarnen ihre Zuhörer mit wohl überlegten, fast schon Mitgefühl erzeugenden Argumenten. Die Regie hat dabei gute Arbeit geleistet, sie hat die zurzeit vorherrschende Rhetorik rechter Gruppen analysiert und die Protagonisten des Stücks diese geschickte Sprache sprechen lassen. Die Zuschauer werden nicht frontal mit rassistischen Aussagen konfrontiert, sondern durch ein Frage-Antwort-Spiel zu Komplizen der Nazis gemacht. Dabei benutzen diese die Figur Michael Kohlhaas als Gerüst, um ihre Ideologie zu rechtfertigen und finden immer wieder vermeintliche Parallelen zwischen Kleists Novelle und ihrem eigenen Kampf gegen eine Gesellschaft der offenen Grenzen.

Verdeutlicht werden diese durch eine Vermischung der beiden erzählerischen Ebenen, es erfolgt ein ständiger und fließend verlaufender Wechsel zwischen Kohlhaas‘ Geschichte und Handlungen der Rechtsextremen. Sowohl sprachlich als auch bildlich werden Kleists Geschichte und die Propaganda der Neo-Nazis zusammengefügt, um den Zuschauer von der rechten Gesinnung Michael Kohlhaas‘ zu überzeugen. Sei es durch die Darstellung der Tronkenburg, die bei Kleist den Wohnsitz der volksunterdrückenden Obrigkeit symbolisiert, als Reichstagsgebäude oder sei es die ständige, in die Handlung eingebettete, Erhebung der rechten Hand zum Hitler-Gruß.

Dieses komplizierte Gebilde von verschiedenen Ebenen kann jedoch nur so gut funktionieren, weil das Ensemble (Isabel Tetzner, Marcus Horn, Thomas Kramer, Jonas Schlagowsky) mit Leichtigkeit zwischen einzelnen Figuren und Orten zu wechseln vermag. Sie schaffen es, die rechte Rhetorik so überzeugend vorzutragen, dass sie bei den Zuschauern regelrecht Abscheu hervorruft, wie einige von ihnen nach dem Stück erzählen. Diese Leistung belohnt das Publikum daher auch mit einem langanhaltenden Applaus, ebenso wie schon bei der Erstaufführung im November 2017, die damals von vielen Kritikern hoch gelobt wurde.

Willkommene Orientierungshilfe in dem Geflecht von Handlungs- und Deutungsebenen ist dabei auch die mittig auf der Bühne stehende Projektionsfläche, auf der den Zuschauern immer wieder die düstere Botschaft durch einprägsame Bilder und Videoaufnahmen verdeutlicht wird. Doch auch ohne diese Leinwand, kommt Symbolen in der Inszenierung eine hohe Bedeutung zu. So liegt beispielsweise während des gesamten Stücks ein verendetes Pferd in der Bühnenmitte. Bei Kleist Symbol für die erfahrene Ungerechtigkeit, wird es im Verlauf des Abends zum Symbol für alles, was die Extremisten hassen und bekämpfen möchten.

Letztlich ist das Stück eine Betrachtung extremistischer Propaganda im Brennglas, mit dem Ziel, seine Zuschauer zu verstören und zu einer Reaktion zu bringen. Sie sollen sich vor den Kopf gestoßen fühlen und so zu einer kritischen Reflexion über die Rhetorik von Populisten und Extremisten angeregt werden. Vereinzelte Ausrufe der Empörung während der das Stück abschließenden Brandrede der Extremisten machen deutlich, dass der Theatergruppe alles gelungen ist, was sie erreichen wollten.

Foto: Deutsches Nationaltheater Weimar

Rezension III JUGEND OHNE GOTT

Schulprojekt THEATERKRITIK: Hier kommt die dritte Rezension zum Gastspiel JUGEND OHNE GOTT von Ödön von Horvárth am Düsseldorfer Schauspielhaus.

von Lena Rettig

,,Der Name auf einem Kriegerdenkmal ist der Traum ihrer Pubertät‘‘. Ein völlig normaler Gedankengang zur Zeit des Nationalsozialismus 1936, der auch im Theaterstück
‘‘Jugend ohne Gott‘‘ im Parktheater Bensheim letzten Samstag vom Jungen Schauspiel des Düsseldorfer Schauspielhauses aufgegriffen wurde. Unter der Regie von Kristo Sagor und ursprünglich von Ödön von Horváth geschrieben, beschäftigt sich das Theaterstück mit den Folgen der politischen Manipulation und dem Mangel an Zivilcourage zur Zeit des Deutschen Reiches.

Ein junger Lehrer( Thomas Kitsche), der zwar selbst gegen den Nationalsozialismus ist, aber sich trotzdem, aus Angst vor dem Verlust seiner Arbeitsstelle, systemtreu verhält, bekommt den Einfluss von Hitler auf seine Schüler zu spüren. Schnell brennen sich die Grundprinzipien der NS-Ideologie in die Köpfe der Schüler ein und Entindividualisierung und Rassenhass stehen an der Tagesordnung.
Dies macht sich durch die Reduzierung auf die Anrede mit nur einem Buchstaben bemerkbar, und so gibt es den N (Paul Jumin Hoffmann), der bereits früh durch seine rassistischen Äußerungen heraussticht, oder auch den Z (Jonathan Gyles), der seine Zweifel am System lediglich seinem Tagebuch offenbaren kann. Schon bald beginnt die vormilitärische Ausbildung in einem Zeltlager, geprägt durch die Vermittlung von Zucht und Ordnung. Als es zu Diebstählen kommt und Nachtwachen auserkoren werden, bemerkt der Lehrer, dass sein Schüler Z ein Tagebuch führt und beschließt daher, dieses heimlich zu lesen. Er erfährt von einer Liebesromanze zwischen Z und Eva (Selin Dörtkardes), der Anführerin einer Diebesbande. Als N am nächsten Tag tot vorgefunden wird, verstrickt sich das ganze Geschehen gleich in mehrere Intrigen.
Das Geständnis des Lehrers, dass er das Tagebuch des Z genommen hat, lässt andere Schüler den Mut gewinnen, etwas zu sagen. Somit stellt sich am Ende heraus, dass T, der bisher nur eine Nebenrolle gespielt hat, der Mörder ist. Schlussendlich hat ihn seine durch das System vermittelte Unfähigkeit zur Empathie dazu verleitet, einen unschuldigen Menschen zu töten.

Das Bühnenbild, das ausschließlich aus einer beweglichen Ebene bestand, zeigte sehr schnell seinen intelligenten Zweck. Durch diese Art der Inszenierung war es möglich, die verschiedenen Machtverhältnisse zwischen den Schauspielern zu verdeutlichen und gleichzeitig zu zeigen, dass zur Zeit des Nationalsozialismus jegliche Stabilität verloren ging, da ein falscher Schritt reichte, um die Konstruktion ins Schwanken zu bringen. Auch wenn durch diese Wahl des beweglichen Bühnenbildes die Arbeit mit Requisiten verloren ging, konnten die Schauspieler durch ihre beeindruckende schauspielerische Leistung überzeugen, die auch in der Nachbesprechung des Öfteren zur Ansprache kam. Den Akteuren gelang es, die Eindringlichkeit ihrer Aussagen durch das ständige Sprechen im Chor so zu verstärken, dass man sich sehr gut in die Situation hineinversetzen konnte. Dieser Effekt wurde ebenfalls durch die von Iris Kraft getroffene Kostümwahl (Uniformierung in den Farben blau, weiß und rot) verstärkt, welche bei allen Akteuren gleich war und somit keine Entfaltung der Individualität zuließ.
Sehr interessant war außerdem die Entscheidung, das Theaterstück sehr nah am Roman zu inszenieren, da nur zwei Wörter von Horvaths ursprünglichem Antikriegsroman verändert wurden. Somit wurde auch gleichzeitig die Aktualität des Themas verdeutlicht. Auch musikalisch schaffte es Felix Rösch durch die Verwendung einer auf das Stück abgestimmten und selbst komponierten Musik stets an den richtigen Stellen Spannung aufzubauen und den Zuschauer somit regelrecht mitzureißen. Für Verwirrung sorgte jedoch die Tatsache, dass die Schauspieler immer mehrere Rollen übernahmen, sodass oftmals unklar war, welche Rollen gerade gespielt wurde, vor allem wenn der Roman dem Zuschauer vorher nicht bekannt war. Schlussendlich schaffte es das fünfköpfige Nachwuchs-Ensemble aber die Zuschauer mitzureißen und somit gelang es ihnen ihre Leistung mit einem tosenden Applaus abzurunden.

Foto: David Baltzer

Rezension II JUGEND OHNE GOTT

Die Schüler*innen des Kurfürstlichen Gymnasiums Bensheim sehen jedes Gastspiel der Woche Junger Schauspielerinnen und Schauspieler. Gemeinsam mit ihren Lehrer*innen besprechen sie die Stoffe und schreiben Vorberichte und Kritiken.
Hier kommt eine weitere Rezension zu JUGEND OHNE GOTT  vom Düsseldorfer Schauspielhaus.

„Ein bewegter Abend“

von Paul Rönnebeck

Ein Abend mit Höhen und Tiefen, Emotionen, mit Gesellschaftskritik und einer beeindruckenden Ensembleleistung, kurz ein bewegter Abend, so wird mir die zweistündige Aufführung von Kristo Sagors Auffassung des Romans ,,Jugend ohne Gott“, von dem österreich-ungarischen Schriftsteller Ödön von Horvath, in Erinnerung bleiben. Das Stück, das am 13.September 2018 Premiere feierte, handelt von einem Gymnasiallehrer, der mit seiner Klasse in ein Ferienlager fährt, bei dem die Teenager eine vormilitärische Ausbildung erhalten. Kurz darauf entdeckt der Lehrer, dass sein Schüler Z eine heimliche Liebesbeziehung mit einem fremden Mädchen namens Eva führt, indem er das Kästchen mit dem Tagebuch des Z aufbricht. Zwei Tage darauf wird einer seiner anderen Schüler tot aufgefunden. Z wird verdächtigt, weil er vor dem Tod des N ihn verdächtigt hatte, sein Kästchen zerbrochen zu haben. Das Stück endet mit dem Selbstmord eines weiteren Schülers, der während des laufenden Strafprozesses verdächtigt wurde.

Aber was genau hat diesen Abend jetzt so erinnerungswürdig gemacht?

Einen großen Anteil an der Besonderheit und Wirkung des Stücks hat vor allem das Bühnenbild. In der Mitte der Bühne war eine quadratische Fläche, die zu schweben schien. Diese bewegte sich, je nachdem, wo sich die fünf Schauspieler auf der Platte postierten, nach vorne, hinten oder zur Seite, sodass das Stück unglaublich dynamisch wirkte, da ständig alle in Bewegung sein mussten, um das Gleichgewicht auf der Platte zu halten und nicht runterzufallen, sodass dem Zuschauer wirklich nicht langweilig wurde. Außerdem schaffte diese Ungleichheit in der Höhe oft eine sehr deutliche Darstellung der Beziehungen der Personen, beispielsweise die Beziehung von Feldwebel und den Schülern, bei der durch die Schwebe nochmal die erhöhte Stellung des Feldmarschalls deutlich gemacht wurde.

Ein weiterer Aspekt, der die Stimmung des Stücks untermalte, war die Musik im Hintergrund, die, wie man in der Nachbesprechung erfuhr, simultan zu den Proben vom Musiker Felix Rösch komponiert wurde.

Als letztes möchte ich auf die Schauspieler zu sprechen kommen, die vor allem durch ihre gute Koordinationsfähigkeit auf der schwebenden Fläche und der guten Chemie untereinander aufgefallen sind. Sie schafften es, zu fünft über dreißig Charaktere, mithilfe von Stimmverstellung, verschiedene Körperhaltungen und wenigen Requisiten, glaubwürdig rüberzubringen. Diese Ensembleleistung wurde dann auch am Ende der Aufführung im restlos ausverkauften Theatersaal mit einem großen Applaus gewürdigt.

Meiner Meinung nach hätte das Stück auch ein bisschen kürzer sein können, da es aber eine Buchvorlage ist, denke ich dass die Länge gerechtfertigt ist und die 2 Stunden letztlich gerechtfertigt sind, deshalb kann ich „Jugend ohne Gott“ nur weiterempfehlen. Es ist vor allem aufgrund der guten Chemie der Charaktere und Schauspieler auf der Bühne sehenswert.

Foto: David Baltzer

Der Gertrud-Eysoldt-Ring

Am Samstag wird in Bensheim wieder mal der Gertrud-Eysoldt-Ring verliehen. Was es mit diesem Preis und der Schauspielerin, die hinter dem Preis steckt, auf sich hat, erfahrt ihr hier.

Seit 1986 vergibt die Stadt Bensheim zusammen mit der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste den Gertrud-Eysoldt-Ring, ein Vermächtnis des 1981 in Bensheim verstorbenen Theaterkritikers Wilhelm Ringelband, der den Namen der von ihm verehrten Max-Reinhard-Schauspielerin (1870-1955) mit einer Auszeichnung verbunden sehen wollte. Der Preis, der mit 10.000 EUR dotiert ist, wird für eine herausragende schauspielerische Leistung im Theater vergeben.
Zu den bisherigen Preisträger gehören z.B. Ulrich Mühe, Corinna Harfouch, Charly Hübner, Nina Hoss oder Wolfram Koch.

Wie die Jury am 21.12.2018 bekannt gab, ist der Träger des Eysoldtrings 2018
André Jung
.

Die Jury unter dem Vorsitz von Barbara Frey mit Rita Thiele und Wolfram Koch, hat am 21. Dezember ihre Entscheidung bekannt gegeben. Der Gertrud-Eysoldt-Ring 2018 geht an André Jung.Die Begründung:

„Der luxemburgische Schauspieler André Jung, der zuletzt in Werner Düggelins Zürcher Inszenierung von ‚Lenz‘ als Erzähler mit grösster Sensibilität den unendlichen Kosmos von Georg Büchners Sprache auslotete, ist einer der feinsinnigsten, radikalsten und erstaunlichsten Bühnenkünstler unserer Zeit. Seine Gesamtleistung als Protagonist und als überzeugter Ensemblespieler über mehrere Jahrzehnte an grossen Häusern und in freien Produktionen ist unvergleichlich. Er ist ein Zauberer des Wortes und der Gesten, ein Meister der Unmittelbarkeit. Er kennt keinerlei Eitelkeit, ist immer Spieler und Jongleur, aber auch Wanderer am Abgrund.“

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Foto: Yves Binet

 

Kurt-Hübner-Regie-Preis

Auf Vorschlag Hans Lietzaus (1991) und später Kurt Hübners (1992 bis 2006) wird anläßlich der Vergabe des Gertrud-Eysoldt-Rings ein mit 5.000 EUR dotierter Förderpreis für Regie in Bensheim vergeben.

Peter Kümmel, Kritiker der ZEIT und Juror des Kurt-Hübner-Regiepreises, zeichnet Robert Icke für seine Inszenierung der „Orestie“ am Schauspiel Stuttgart aus.

Die Begründung:

Es ist das Jahr des Brexit. Man rückt auseinander, man errichtet wieder, was Europa schon mal in Überfluss hatte – Grenzen, Widerstände, Sichtblenden. Auch der kulturelle Verkehr zwischen Großbritannien und dem sogenannten Kontinent, also der Europäischen Union, wird unangenehm werden. Dagegen müssen die Künste sich wehren. Dagegen setzt diese Preisvergabe auch ein Zeichen.

Es hat aber nur zum kleinsten Teil einen politischen Grund, dass der Kurt-Hübner-Regiepreis in diesem Jahr an einen Engländer geht. Der wesentliche Grund ist, dass Robert Icke, von dem ich hier spreche, ein junger, hochbegabter Regisseur und Autor ist. Dieser Künstler hat es kürzlich gewagt, seine bereits ziemlich in Schwung gekommene heimische Karriere für ein paar Wochen ruhen zu lassen, um in Deutschland zu inszenieren. Icke, 32 Jahre alt, leitet in London ein wichtiges Theater, das Almeida Theatre, aber im Herbst 2018 hat er in Stuttgart am Staatstheater inszeniert – mit deutschen Darstellern, in deutscher Sprache.

Robert Icke hat die Orestie des Aischylos als Autor so bearbeitet und als Regisseur so inszeniert, dass die Macht heutiger Welterklärungssysteme (Medien, Justiz, Wissenschaften) einerseits und die Angst vor den Göttern der Antike andererseits einander nicht ausschließen, sondern im Gegenteil komplementär erscheinen. Orest und Agamemnon werden nicht nur von den Göttern bedrängt, sondern auch von Therapeuten, Journalisten und Juristen.

… Icke vergisst also in keinem Moment, uns darauf hinzuweisen, wie viel Zeit vergangen ist, seitdem Aischylos seine Trilogie schrieb. Aber er macht uns auch klar, dass nichts an unserer Welt so wäre, wie es ist, wenn es Aischylos nicht gegeben hätte. Robert Ickes Orestie hat eine unheimliche Wirkung: als sähen Vergangenheit und Gegenwart einander an – auf misstrauischer Augenhöhe. Und es ist fraglich, wer sich mehr fürchtet vor dem, was er da sieht. Icke ist, als Überbrücker von Schalt- und von Kulturkreisen, fürs deutsche Theater eine Entdeckung.

Wer war Gertrud Eysoldt?

Foto zur kommerziellen Nutzung

Als Schauspielerin konnte man sie als z.B. Salome, Lulu oder Penthesilea in Werken von Hofmannsthal, Ibsen, Strindberg oder Wedekind erleben.

In den 1920er Jahren unterrichtete sie an der Schauspielschule des Deutschen Theaters in Berlin rund 2000 Schülerinnen.
Von 1920 bis 1922 war sie Direktorin des Kleinen Schauspielhauses Berlin-Charlottenburg.

Dort setzte sie trotz Zensurverbots die Aufführung von Arthur Schnitzlers Reigen durch, weswegen sie im „Reigenprozess“ verklagt wurde, da man das Stück wegen seines unmoralischen Inhalts verboten hatte.
Gertrud Eysoldt war zweimal verheiratet und war Mutter zweier Söhne.

 

Die Preise werden am 16.03.2019 im Bensheimer Parktheater im Rahmen einer Festveranstaltung verliehen.

Rezension JUGEND OHNE GOTT

Am vergangenen Samstag besuchten die Schüler*innen des Schulprojekts THEATERKRITIK die Vorstellung JUGEND OHNE GOTT vom Düsseldorfer Schauspielhaus. Hier kommt eine erste Rezension .

 von Julian Siemens

„Es kommen kalte Zeiten, das Zeitalter der Fische“. Mit diesem Satz wird eines der Leitmotive in Ödön von Horváths Roman bzw. Theaterstück „Jugend ohne Gott“ (1936) eingeführt. Durch den Vergleich mit Fischen beschreibt der Autor, wie sich die Jugend seiner Zeit von dem Nationalsozialismus mitreißen lässt, anstatt gegen den Strom zu schwimmen.

Das Stück des Düsseldorfer Schauspielhauses (Fassung und Regie von Kristo Sago) wurde letzten Samstag im Parktheater Bensheim im Rahmen der Woche junger Schauspielerinnen und Schauspieler vorgeführt.

Im Mittelpunkt der Darbietung steht ein Lehrer (Thomas Kitsche), den die rassistische Einstellung seiner Schüler entsetzt, der jedoch nichts gegen den rechtsextremen Einfluss auf die Jugend unternehmen will, zu groß ist seine Angst vor Verlust der sicheren Beamtenstelle. In einem militärischen Zeltlager, das die Jungen zur Kriegsbereitschaft erziehen soll, entwickelt sich ein Konflikt zwischen zwei Figuren: Schüler Z (Jonathan Gyles) wirft Schüler N (Paul Jumin Hoffmann) vor, sein Tagebuch gelesen zu haben. In Wahrheit ist es jedoch der Lehrer gewesen, der durch die Tagebucheinträge von einer Beziehung zwischen Schüler Z und Eva (Selin Dörtkardeş), der Anführerin einer kriminellen Bande, erfährt. Als N ermordet aufgefunden wird, beginnt ein Kriminalfall, den der Lehrer zu durchschauen versucht. Seine Aufmerksamkeit wird hierbei auf Schüler(in) T (Marie Jensen) gelenkt. Zentral sind die inneren Konflikte des Lehrers, der sich zunächst nicht traut, seine Schuld zu bekennen, die Wahrheit aber zum Schluss preisgibt.

Der Regisseur erzählt den Stoff sehr nah am Roman. Nur zwei Wörter veränderte er für die Inszenierung.
Dargestellt wird die Geschichte durch ein außergewöhnliches Bühnenbild (Iris Kraft): Die Schauspieler/innen befinden sich auf einer beweglichen Ebene, dessen Bewegungen bestimmte Machtverhältnisse ausdrücken sollen. Gleichzeitig werden durch die bewegliche Bühnenfläche die instabilen Verhältnisse des dritten Reichs verdeutlicht.

Ansonsten ist das Bühnenbild sehr einfach gehalten. Bei der Darstellung des Zeltlagers werden lediglich Rucksäcke und Decken eingesetzt.
Alle Darsteller/innen tragen identische Uniformen, die die Entindividualisierung der Schüler widerspiegeln. Des Weiteren werden verschiedene Requisiten eingesetzt, um das Auftreten bestimmter Charaktere deutlich zu machen. Dies ist nötig, denn jede/r der fünf Schauspieler/innen verkörpert mehrere Rollen. Beispielsweise wird eine Sonnenbrille genutzt, um den Feldwebel kenntlich zu machen. Die Reduzierung auf die wichtigsten Requisiten ermöglicht volle Konzentration auf den Inhalt.

Die Musik der Inszenierung (komponiert von Felix Rösch) verleiht dem Stück eine düstere Stimmung und erzeugt Spannung. Abgesehen von der komponierten Musik kommen z.B. bei den Szenen im Zeltlager Trommeln zum Einsatz. Wie auch die Beleuchtung unterstreicht die Musik die Höhepunkte des Stücks.

Die schauspielerische Leistung ist angesichts des Alters der Akteure hervorragend. Wie bereits erwähnt, übernimmt jede/r Schauspieler/in mehrere Rollen und spielt diese sehr überzeugend. Ungewöhnlich ist außerdem, dass die Gedanken einer Figur teilweise durch die anderen Akteure ausgesprochen werden, was jedoch zu Verwirrung führen kann.

Die Qualität der Inszenierung wurde durch die Besucher bzw. ihre Reaktion deutlich: Das Publikum, das alle Sitzplätze des Parktheaters ausfüllte, belohnte die Darsteller mit einem langen Applaus. Auch in der Nachbesprechung gaben die Zuschauer nur positive Rückmeldungen und brachten ihre Begeisterung zum Ausdruck.

Zwar reicht die Inszenierung nicht ganz an das Niveau des Romans heran, welcher die inneren Konflikte des Lehrers noch besser vermittelt. Trotzdem machen die Reaktion der Besucher und die wichtige Thematik das Theaterstück sehr sehenswert und aktuell. Angesichts der aktuellen populistischen Strömungen sollte jedem Menschen nahegebracht werden, wie wichtig Kritikfähigkeit und Zivilcourage sind.

Foto: David Baltzer

 

Rezension IM HERZEN DER GEWALT

Im Rahmen des Schulprojekts THEATERKRITIK schreiben die Schüler*innen nicht nur Vorberichte, sondern auch Kritiken.
Hier kommt die erste Rezension zum ersten Gastspiel
IM HERZEN DER GEWALT vom Thalia Theater Hamburg

von Paul Berg

Zugleich wärmend fürsorglich und mit bissiger Kälte drohend endet das erste Stück der diesjährigen Woche junger Schauspieler*innen mit dem Satz: „Ich bleibe bis du eingeschlafen bist und morgen komme ich wieder.“ Das von Franziska Autzen inszenierte autobiographische politische Drama „Im Herzen der Gewalt“ des französischen Autors Édouard Louis überstieg bei seiner Aufführung im Bensheimer Parktheater am 7. März 2019 bisher etablierte und bekannte Grenzen, sowohl durch die zwei Protagonisten Toini Ruhnke und Sebastian Jakob Doppelbauer, deren Schauspiel scheinbar keinen Rahmen kennt und duldet, als auch durch die Treffsicherheit und die Schwere des dargestellten Inhaltes. Von in Erinnerungen versunkenen, ruhigen Szenen bis hin zu explosiv und aggressiv wirkenden Szenen des Charakterwandels und der Verzweiflung, bedienten sich die Hauptdarsteller der gesamten Bandbreite und stiegen klimaxartig immer tiefer in ihre Rollen ein.

In ihrer Komplexität, bestehend aus vielfältigen und situationsbedingt oftmals wechselnden Charakteren, ambivalenten Aussagen, dem immerwährenden Strudel der Gedanken Èdouards über sein traumatisches Erlebnis kommt die Inszenierung des Hamburger Thalia Theaters erst vollends zur Geltung. Die Menschen in seinem Umfeld kreisen wie hungrige Asgeier um den in seinem Innersten zum seelischen Tod verurteilten Édouard. Es verschwimmen die gesellschaftlich akzeptierte und geförderte Lüge zusammen mit dem erhofften Wahrheitsvertrauen, das Bild des Opfers mit dem des Täters sowie das des familiären Zusammenhalts mit der Diskrepanz und Apartheit eines „Herausstechungswunschs.“

Auf der Bühne hängen weiße Laken, die durch ihre Reinheit beinah zu unscheinbar und unberührt aussehen, jedoch nach und nach den Blick auf das wahre Innere der Protagonisten, besonders das Édouards, freigeben, indem die Schauspieler aus der Emotion entspringend die Laken abreißen und die Sicht auf ein straff gespanntes, narbenartig geflicktes Tuch freigeben, vor dem wie in einem Schlachthaus die Fleischerhaken von der Decke hängen und bereits auf die Grausamkeit der Vergewaltigung, der Homophobie des Rassismus und der strukturellen Gewalt andeutet und letztendlich verstärken.

Thalia Theater
Copyright Krafft Angerer

Die eingesetzten Lichteffekte setzten die Charaktere sprichwörtlich in eine andere Dimension, mal voller als artifiziell erachteter Glücksmomente, mal in eine von Hass erfüllte Situation, die dem Besucher durch die ausdrucksstarke schauspielerische Leistung eine Gänsehaut verpasst und die konstante fühlbare Bedrängnis während des Stücks verstärkt. Vor beinah radikal wirkenden Ausarbeitungen wie beispielsweise eine Leinwand auf der Körperflüssigkeiten zu sehen sind, wird hierbei nicht zurückgeschreckt, sondern sie zur Gestaltung einer düster-erdrückenden Stimmung, die nach Auflösung schreit, genutzt. Die Musik von Johannes Hofmann spielt im Stück ebenfalls eine tragende Rolle; so beginnt das Stück mit einem französischen Chanson und fließt einstweilen untermalend im Zusammenspiel mit den Akteuren ein. Die Kostüme der Schauspieler, ausgewählt von Sina Brüggemann, erinnern durch ihre Einfarbigkeit zum einen an von Monotonie und sozialer Kontrolle geplagte Gesellschaften, die einen sensationslustigen „Hoffnungsschimmer“ in den Leidensgeschichten anderer erblickt und sich zum anderen in ihren lrankenhausähnlichen Roben als Ärzte sehen, die ihr Skalpell in die Geschichten anderer rammen und sich die Metastasen ähnelnden seelischen Geschwüre zur eigenen schockierenden Bereicherung vornehmen.

Thalia Theater
Copyright Krafft Angerer

Der ursprünglich retrospektiv geschriebene Roman von Édouard Louis wurde in ein facetten- und temporeiches Dialogstück auf die Hauptakteure zugeschnitten. Trotz der sich durchziehenden minimalistischen Ader wird besonders Clara (Toini Ruhnke) eine hohe Flexibilität abverlangt, denn sie spricht all das, was sie als Édouards Schwester denkt, jedoch auch das, was die Beamten der Justiz, Psychologen, Édouards verhängnisvolle Bekanntschaft Reda und andere sprechen und denken. Die schnellen Wechsel ziehen den Zuschauer durch die Vermengung von Figuren und die messerscharfen Dialoge ins Geschehen. Die Rückblicke des Romans gehen jedoch nicht verloren, sondern werden oftmals Rückblicke mit in das geschwisterliche Gespräch einbezogen. Der Verlauf des Geschehens verlangt die Konzentration und die Bereitschaft der Zuschauer, um eine erschreckende, langsam realisierbare Klarheit hinter Erinnerungsfragmenten, eigenen Interessen und den unter Unterdrückung geformten Charaktereigenschaften der Protagonisten zu erkennen.

Die bereits bei der Premiere als „Hochenergetisch und intensiv“ (Katrin Ullmann, taz nord, 18.9.2018) empfundene vierte Produktion der Regisseurin Franziska Autzen, die, wie sie bei der Auftaktveranstaltung berichtete, erst gar nicht für sie zugedacht war, wurde bei der Aufführung im Parktheater von circa 200 gespannten Zuschauern besucht, deren Spannung sich durch den rasanten, entblößenden und beklemmenden Inhalt bis zum Schluss des Stücks durchzog und nach dem Ende ein beinah verstört bedrücktes Schweigen hervorrief, welches mit einem der Atmosphäre angepassten, gediegenen Applaus endete, der wie ein Befreiungsschlag wirkte.

 

Fotos: Krafft Angerer

Eröffnung der 24ten WOCHE JUNGER SCHAUSPIELERINNEN UND SCHAUSPIELER 2019 in Bensheim

Hier kommt ein kleiner Eindruck zu unserer Eröffnung gestern im Parktheater Bensheim.

Gestern war es endlich soweit: Das Parktheater öffnete seine Türen für das junge Theaterfestival, die WOCHE JUNGER SCHAUSPIELERINNEN UND SCHAUSPIELER.
Zum vierundzwanzigsten Mal kommen Gastspiele aus dem deutschsprachigen Theaterraum, um am Ende mit dem Günther-Rühle-Preis ausgezeichnet zu werden.

Im vollen Foyer des Parktheaters eröffneten Bürgermeister Rolf Richter und der Präsident der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste Hans-Jürgen Drescher das Theaterfestival.

In diesem Jahr wurden im Titel des Festivals die „Schauspielerinnen“ ergänzt und zum ersten Mal in der Geschichte der #wjs kuratieren drei Frauen das Programm, die Auswahl der Stücke, die zum Festival nach Bensheim eingeladen werden.
Und das hat einen guten Grund:

Dies ist nicht nur ein Statement zur Debatte über Frauen in Führungspositionen, es verändert auch den Blick auf die ausgewählten Stoffe und ermöglicht einen Diskurs über die Gleichstellung von Frau und Mann in künstlerischen Prozessen.

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v.l.n.r. Carola Hannusch, Marlene Anna Schäfer, Dagmar Borrmann

Der dreiköpfigen Kuratorinnen-Jury gehören Dagmar Borrmann (Ausbildungsdirektorin Schauspiel HfMDK, Frankfurt), Marlene Anna Schäfer (freie Regisseurin) und Carola Hannusch (Dramaturgin, Theater Essen) an.

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Dagmar Borrmann

Dagmar Borrmann sagt in ihrer Eröffnungsrede während der Auftaktveranstaltung:

„Meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,
lassen Sie mich vorab im Namen der „Frauen-Jury“ sagen, dass wir sehr froh über die einvernehmliche Entscheidung zwischen der Akademie und der Stadt Bensheim sind, das Festival in „Woche junger Schauspielerinnen und Schauspieler“ umzubenennen.

Wir hätten die bisherige Bezeichnung auch mit dem Verweis auf das generische Maskulinum vor unseren jungen Schauspiel-Kolleginnen nicht mehr rechtfertigen können. Es ist ja immer noch so, dass Schauspielerinnen im Theater im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen vielerlei Nachteile in Kauf nehmen müssen: die Gagen sind bei vergleichbarer Qualifikation um 15 bis 20% niedriger. Hinzu kommt, dass die Rollen für Frauen – besonders, wenn es sich um historische Stücke handelt – in der Regel weniger komplex, interessant und protagonistisch sind.

Eine bislang weitgehend unbekannte Tatsache ist: Der Anteil der Frauen im Theater nimmt zu, je höher die täglichen Arbeitsbelastungen sind: 65% der Frauen arbeiten zehn Stunden und mehr, was heißt: während die Frauen verstärkt ausgebeutet werden, profitieren die Männer – im Verhältnis – von besseren Arbeitszeiten.*

Umso wichtiger ist es uns, dass junge Schauspielerinnen schon im Titel des Festivals als gleichrangig gewürdigt werden und sich genauso „gemeint“ fühlen wie ihre männlichen Kollegen.“

Quelle: eine Langzeit-Untersuchung von Prof. Thomas Schmidt, die im Herbst/ Winter 2019/2020 publiziert wird.

Im Anschluss wurden die fünf Gastspiele vorgestellt. Jedes Theater sandte eine*n Vertreter*in, der/die gemeinsam mit den Kuratorinnen die Stücke im bis auf den letzten Platz gefüllten Parktheater präsentierte.

Im Publikum, saß die dreiköpfige Jury, die den/die Gewinner*in des Günther-Rühle-Preises am 29. März auszeichnet.
Diese Jury besteht aus Milena Wichert (freie Regisseurin), Christiane Ehret-Jeltsch (Lehrerin an der Liebfrauenschule Bensheim) und Hans-Ulrich Becker (Ausbildungsdirektor Regie/ HfMdK Frankfurt).

Im Rahmenprogramm des Festivals kann das Schulprojekt THEATERKRITIK dieses Jahr erheblich erweitert werden, Fördergelder aus dem hessischen Kulturkoffer machen das möglich.

Nach der Auftaktveranstaltung eröffnete das Gastspiel „Im Herzen der Gewalt“ vom Thalia Theater Hamburg unter großem Applaus das Festival.

Beim Nachgespräch mit den Schauspieler*innen und der Regisseurin wurde angeregt über Gewalt, Diversität und Diskriminierung debattiert.

Das nächste Gastspiel Jugend ohne Gott vom Düsseldorfer Schauspielhaus findet morgen (Samstag, 9.3.) um 19:30 statt.
Wir laden um 19:00 zur Einführung und im Anschluss zum Nachgespräch ins Foyer des Parktheaters Bensheim ein.

Fotos: Alexandra Lechner Fotografie

Vorbericht JUGEND OHNE GOTT

Hier kommt der nächste Vorbericht im Rahmen des Schulprojektes: THEATERKRITIK

Jugend ohne Gott von Ödön von Horvárth am Düsseldorfer Schauspielhaus

von Hannah Ruh

Nazideutschland im Jahre 1936. Der Umschwung von Demokratie zu Diktatur, die neuen und heutzutage als falsch angesehenen Werte, welche den Jugendlichen vermittelt werden, eine Zeit, in der strenge Rassentrennung, Menschenhass und bedingungsloses Gehorchen der Autoritätspersonen erzwungen werden – für uns unvorstellbar. Und genau diese radikalen gesellschaftlichen Züge Nazideutschlands werden bei der Theaterinszenierung von Jugend ohne Gott, ursprünglich geschrieben von Ödön von Horvath, am Samstag, den 9. März, um 19.30 Uhr im Parktheater Bensheim, dargestellt.

Das besondere an der Inszenierung von Kristo Sagor liegt bei dem auffälligen Bühnenbild, da es sich um eine bewegliche Bühnenfläche handelt, auf welcher die Schauspieler des Düsseldorfer Schauspielhauses ihre Charaktere verkörpern. So beginnt die Geschichte mit einer Schulklasse, wobei keiner der Schüler einen Namen trägt, sie werden lediglich mit ihrem Anfangsbuchstaben benannt und auch der Protagonist trägt nur den Titel „Lehrer“. Dadurch soll die Entindividualisierung der damaligen Zeit verdeutlicht werden.
Als die Klasse für paramilitärische Ausbildungen in einem Zeltlager weilt, lernt der Schüler Z die Anführerin einer Diebesbande, Eva, kennen. Er schreibt in seinem Tagebuch über diese aufkeimende Liebe sowie über seine kritische Haltung der militärischen Erziehung gegenüber. Als das Aufbewahrungskästchen des Tagesbuchs allerdings aufgebrochen wird, verdächtigt Z sofort N, welcher kurze Zeit später tot aufgefunden wird. Eva gilt als Verdächtige.

Und so beginnt ein fesselnder Krimi mit hohem Spannungsfaktor, unter anderem mit vorschnellen Verurteilungen und geheimen Verschwörungen, welcher auch zum Nachdenken und Hinterfragen anregt.