Rezension II ALL DAS SCHÖNE

Zu Recht mit vielen Preisen belohnt

von Mara Arzberger

Dinge, für die es sich zu leben lohnt: Nummer 1: „Eiscreme“. Eine Liste, die das Leben von Jonas Mutter retten soll und seine Sicht auf die Welt verändert. Es ist der 8. November 1997, als Jonas Mutter ihren ersten Selbstmordversuch aufgrund von Depressionen begeht. Jonas ist zu der Zeit sieben Jahre alt und noch zu jung, um das alles zu verstehen. Trotzdem will er seiner Mutter helfen, indem er ihr eine Liste mit Dingen aufschreibt, für die es sich zu leben lohnt. Die Liste wächst und wächst, doch seiner Mutter kann er nicht helfen. Je älter er wird, desto mehr beschäftigen ihn die Selbstmordversuche seiner Mutter und die Liste. Er verbringt Tage und Nächte damit, die Liste fortzuführen. Zeitweise sieht er keinen Sinn im Führen der Liste. Doch nach kurzer Zeit merkt er, dass sich seine Sicht auf die Welt geändert hat. Jonas lernt alles wertzuschätzen, sein Leben zu genießen und realisiert langsam, dass seine Mutter die Depressionen nicht besiegen kann.

„All das Schöne“, ein Mitmachtheater, inszeniert vom Jungen Schauspiel Hannover. Ein vorerst skeptischer Gedanke meinerseits wandelte sich in das Erleben eines grandiosen und lustigen Abends um. Jonas Steglich überzeugte vorerst mit seiner Soloperformance, hatte jedoch viel Unterstützung von spontan ausgewählten Zuschauern aus dem Publikum. So spielte jemand spontan den Tierarzt, die Dozentin oder sogar Jonas Freundin Ulli. Der Schauspieler erschien den Menschen so offen und sympathisch, dass jeder sofort bereit war, auf die Bühne zu gehen. Unterstützt wurde Jonas Steglich von Christian Decker, der nicht nur den Vater spielte, sondern auch für großartige Livemusik sorgte. Als Vater war er nur als stille Person zu sehen, doch konnte er das Publikum mit seinen Musikkünsten überzeugen. Die beiden unterhielten das Publikum 90 Minuten mit einer großartigen schauspielerischen Leistung und einzigartiger Musik. Zuständig für die Regie war Paul Schwesig, für die Dramaturgie Barbara Kantel.

Nicht nur die spontan ausgewählten Zuschauer beteiligten sich am Stück, sondern auch viele andere. So verteilte Jonas Steglich am Anfang des Stückes Zettel in den Reihen des Parktheaters mit Notizen von der Liste. Ständig wurde die Liste im Laufe des Abends erweitert. Eine Nummer wurde aufgerufen, und der Zuschauer durfte den Zettel vorlesen. Auf der Bühne stand ein kleiner, drehbarer Raum aus Glas. Umgeben wurde dieser von beweglichen Spiegeln. Während des ganzen Abends wurden die verschiebbaren Spiegel mit den Zetteln gefüllt. Der Schauspieler verschob die Spiegel während der Auftritte oft, und jedes Mal wurde ein neues Bild durch die Spiegelungen inszeniert.

Insgesamt bot das Stück „All das Schöne“ einen gelungenen Abschied der Woche junger Schauspieler. Das Thema Depressionen wurde auf eine schöne und ermutigende Art und Weise an den Zuschauer herangeführt, ohne dass sich zu irgendeiner Zeit darüber lustig gemacht wurde. Jonas Steglich stärkte den Zuschauer mit der Botschaft, dass es „immer besser wird, vielleicht nicht 100% perfekt, aber es besser wird“. So ging jeder Zuschauer mit einem Lächeln im Gesicht aus dem Saal. Jedoch wurde auch jeder zum Nachdenken angerregt. Es war ein besonderes Ende, denn es gab Eiscreme für alle, der erste Punkt der Liste, die Jonas „All das Schöne“ nannte. Der ganze Abend überzeugte nicht nur das Publikum, das man während des Stückes oft lachen hörte, sondern auch die Jury. Am Ende des Abends konnte das Schauspielhaus Hannover drei Preise ergattern: Den Publikumspreis, den Preis der Schülerjury sowie den Günther-Rühle-Preis. In summa ein Abend, der den Zuschauern noch lange im Gedächtnis bleiben wird und zu Recht mit vielen Preisen belohnt wurde.

Foto: Dietmar Funk

Veröffentlicht von Helene

director / mum / blogger / texter

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