Tripple in Bensheim

ALL DAS SCHÖNE vom Staatsschauspiel Hannover schafft Tripple in Bensheim

Am vergangenen Wochenende wurde im Parktheater Bensheim der mit 3.000,- EUR dotierte Günther-Rühle-Preis verliehen. Ebenso wurden im Rahmen des Theaterfestivals WOCHE JUNGER SCHAUSPIELERINNEN UND SCHAUSPIELER ein Publikums- und ein Schülerpreis unter den geladenen Gastspielen ausgelobt.
Dabei überzeugte das letzte Gastspiel des Festivals, ALL DAS SCHÖNE von Duncan Macmillan, auf ganzer Linie und räumte alle Preise ab.
Zu sehen war unter der Regie von Paul Schwesig Mitmachtheater vom Feinsten. Der so überzeugende wie charmante Schauspieler Jonas Steglich bezieht von der ersten Minute an das Publikum mit ein, seiner depressiven Mutter eine Liste von all dem Schönen zu schreiben, die das Leben so lebenswert machen. Vom ersten Punkt „Eiscreme“ landen im Laufe der Jahre über eine Million Dinge auf dieser Liste.
Immer wieder holt Jonas Steglich seine Mitspieler aus dem Publikum auf die Bühne, die sichtlich Spaß daran haben. Improvisationsstark, ohne sich aufzudrängen oder das Publikum zu nötigen, führt er durch einen klugen, temporeichen und fein gearbeiteten Abend, der ein schweres Thema behandelt.
Die Liste hilft nicht, seine Mutter zu retten und trotzdem gehen wir versöhnt nach Hause. Was nicht nur an der Portion Eiscreme liegt, die am Schluss für alle auf der Bühne verteilt wird.
Preisträgerjury 02
v.l.n.r. Helmut Sachwitz, Jonas Steglich, Prof. Hans-Ulrich Becker, Milena Wichert und Christiane Ehret-Jeltzsch
Die Jurybegründung der Jury des Günther Rühle-Preises: Prof. Hans-Ulrich Becker, Milena Wichert, Christiane Ehret-Jeltzsch:

„Zu Beginn möchten wir ganz besonders die Leistung einer jungen Schauspielerin erwähnen. In einem Interview fragte man Sie mal, welcher Star sie gerne mal wäre und sie antwortet mit:
„Jemand richtig reiches. Der immer abgeholt wird. Die Queen zum Beispiel.“

Sie ist nicht die Protagonistin der Inszenierung und doch nimmt sie uns mit und zieht uns von Anfang an in ihren Bann. Es sind ihre feinen Wechsel auf den schauspielerischen Ebenen, ihre unfassbare Wandlungsfähigkeit, ihre Wärme, ihre Aura. Sie betritt die Bühne und ist da. Eine Präsenz die von Anfang an im Raum ist. Mit Stärke und Kraft überzeugt sie. Wir möchte Tonini Ruhnke in der Inszenierung Im Herzen der Gewalt vom Thalia Theater Hamburg besonders lobend für ihre schauspielerische Leistung erwähnen.

Jetzt wäre der Teil gekommen, für den wir eine 4 seitige Rede vorbereitet hätten. Wir hätten Hannah Arendt zitiert, über das Böse gesprochen, über heutige Gesellschaftsstrukturen geredet und die Fragen gestellt: Was heißt es sich einer verrohten Gesellschaft entgegenzustellen? Was heißt heute Zivilcourage? Was heißt Widerstand?

Dann passiert aber Theater und wir sehen einen Abend der alles auf den Kopf stellt und die Rede an keinem Punkt mehr passt. Weil sie ein anderes Thema in das Zentrum stellt, was eine andere Rede gebraucht hätte.

Warum?

Weil es nicht als düstere Analyse einer Kindheit mit einer depressiven Mutter daherkommt.

Warum?

Weil es über Resilienz mit dem Publikum die schönen Lebensmomente sammelt.

Warum?

Weil die 24 die Spaghetti Bolognese ist.

Warum?

Weil der Darsteller mit seinem unaufdringlichem Charme uns in den Bann zieht.

Warum?

Weil er mit einer selbstverständlichen Art das Publikum durch die Höhen und Tiefen seines Themas steuert.

Warum?

Weil er es schafft mit einer Feinfühligkeit uns zum Mitmachen zu bewegen.

Warum?

Weil er uns mit seiner Präsenz mitnimmt und nicht entkommen lässt.

Warum?

Weil uns der nächste Song noch ein Stück näher rücken lässt.

Warum?

Weil Theater Mut machen kann.

Warum?

Weil der Darsteller uns Mut macht.

Warum?

Weil er die Hürden und Mauern schrittweise aufbricht. Weil er den Abend mit uns gestaltet. Weil es ein Soloabend ist, der kein Solo ist. Weil es einen Darsteller gibt, der die ständige Aufmerksamkeit für das komplette Publikum hat.

Wir freuen uns den Günther Rühle Preis 2019 für herausragendes Schauspiel an den Schauspieler Jonas Steglich in der Inszenierung von All das Schöne vom Schauspielhaus Hannover übergeben zu dürfen.“

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Mit 1.803 Besuchern hat die WjS 2019 auch einen herausragenden Zuspruch beim Publikum insgesamt erfahren. Nur 2003 haben mehr Zuschauer das Festival jemals besucht.
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Schüler-Jury des Schulprojekts THEATERKRITIK
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Gewinner des Abends vom Staatsschauspiel Hannover mit Juryvorsitzender Dagmar Borrmann (r.)

 

Fotos: Deutsche Akademie der Darstellenden Künste
Beitragsbild: Isabel Machado Rios

Veröffentlicht von Helene

director / mum / blogger / texter

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