Rezension MICHAEL KOHLHAAS

Nach dem Gastspiel MICHAEL KOHLHAAS vom Deutschen Nationaltheater Weimar am vergangenen Mittwoch, wurde noch lange mit den Schauspieler*innen und dem künstlerischen Team über die Inszenierung, die Neudeutung des Stoffes und über rechte Bewegungen in Deutschland gesprochen. Hier kommt die erste Schülerrezension.

Kohlhaas als Held rechter Gruppierungen?
von Vitus Horneffer und Luc Chatelais

 

„Kohlhaas ist für mich eine Geschichte über Rechtsbruch, wie sie aktueller nicht sein könnte. Kohlhaas ist für mich der Mythos eines deutschen Helden.“ Solche Sätze fielen am vergangenen Mittwochabend im vollbesetzten Bensheimer Parktheater, wo das Weimarer Nationaltheater im Rahmen der „Woche junger Schauspielerinnen und Schauspieler“ eine Interpretation von Kleists Novelle „Michael Kohlhaas“ aufführte, bei der sie viele der Zuschauer mit einem mulmigen Gefühl im Bauch zurück ließen.

Das Stück erinnerte eher an eine Aufführung aus dem dritten Reich als an ein moderne Theaterinszenierung aus dem 21. Jahrhundert – und das war durchaus gewollt. Denn was Regisseur Sebastian Martin dem Bensheimer Publikum präsentierte, war keinesfalls eine klassische Nacherzählung des bekannten Stoffs, sondern viel mehr der Versuch, ein sprachliches und soziales Experiment in 80 Minuten Bühnenzeit zu vollziehen. Die Protagonisten des Stücks sind nämlich nicht Kohlhaas, sein Gegenspieler Wenzel von Tronka oder Martin Luther, wie es in Kleists Novelle der Fall ist, sondern vier Rechtsextreme, die ihre fremdenfeindlichen und nationalistischen Ansichten in der Person Kohlhaas‘ wiederzuerkennen glauben und seinen Kampf gegen die Obrigkeit auf ihren persönlichen Kampf übertragen. Die Regie will damit aufzeigen, wie Extremisten Bühnenstücke und Literatur für ihre Zwecke umdeuten und missbrauchen können.

Dabei verwenden die Extremisten jedoch nicht die altbekannten plumpen, rechten Parolen, sondern umgarnen ihre Zuhörer mit wohl überlegten, fast schon Mitgefühl erzeugenden Argumenten. Die Regie hat dabei gute Arbeit geleistet, sie hat die zurzeit vorherrschende Rhetorik rechter Gruppen analysiert und die Protagonisten des Stücks diese geschickte Sprache sprechen lassen. Die Zuschauer werden nicht frontal mit rassistischen Aussagen konfrontiert, sondern durch ein Frage-Antwort-Spiel zu Komplizen der Nazis gemacht. Dabei benutzen diese die Figur Michael Kohlhaas als Gerüst, um ihre Ideologie zu rechtfertigen und finden immer wieder vermeintliche Parallelen zwischen Kleists Novelle und ihrem eigenen Kampf gegen eine Gesellschaft der offenen Grenzen.

Verdeutlicht werden diese durch eine Vermischung der beiden erzählerischen Ebenen, es erfolgt ein ständiger und fließend verlaufender Wechsel zwischen Kohlhaas‘ Geschichte und Handlungen der Rechtsextremen. Sowohl sprachlich als auch bildlich werden Kleists Geschichte und die Propaganda der Neo-Nazis zusammengefügt, um den Zuschauer von der rechten Gesinnung Michael Kohlhaas‘ zu überzeugen. Sei es durch die Darstellung der Tronkenburg, die bei Kleist den Wohnsitz der volksunterdrückenden Obrigkeit symbolisiert, als Reichstagsgebäude oder sei es die ständige, in die Handlung eingebettete, Erhebung der rechten Hand zum Hitler-Gruß.

Dieses komplizierte Gebilde von verschiedenen Ebenen kann jedoch nur so gut funktionieren, weil das Ensemble (Isabel Tetzner, Marcus Horn, Thomas Kramer, Jonas Schlagowsky) mit Leichtigkeit zwischen einzelnen Figuren und Orten zu wechseln vermag. Sie schaffen es, die rechte Rhetorik so überzeugend vorzutragen, dass sie bei den Zuschauern regelrecht Abscheu hervorruft, wie einige von ihnen nach dem Stück erzählen. Diese Leistung belohnt das Publikum daher auch mit einem langanhaltenden Applaus, ebenso wie schon bei der Erstaufführung im November 2017, die damals von vielen Kritikern hoch gelobt wurde.

Willkommene Orientierungshilfe in dem Geflecht von Handlungs- und Deutungsebenen ist dabei auch die mittig auf der Bühne stehende Projektionsfläche, auf der den Zuschauern immer wieder die düstere Botschaft durch einprägsame Bilder und Videoaufnahmen verdeutlicht wird. Doch auch ohne diese Leinwand, kommt Symbolen in der Inszenierung eine hohe Bedeutung zu. So liegt beispielsweise während des gesamten Stücks ein verendetes Pferd in der Bühnenmitte. Bei Kleist Symbol für die erfahrene Ungerechtigkeit, wird es im Verlauf des Abends zum Symbol für alles, was die Extremisten hassen und bekämpfen möchten.

Letztlich ist das Stück eine Betrachtung extremistischer Propaganda im Brennglas, mit dem Ziel, seine Zuschauer zu verstören und zu einer Reaktion zu bringen. Sie sollen sich vor den Kopf gestoßen fühlen und so zu einer kritischen Reflexion über die Rhetorik von Populisten und Extremisten angeregt werden. Vereinzelte Ausrufe der Empörung während der das Stück abschließenden Brandrede der Extremisten machen deutlich, dass der Theatergruppe alles gelungen ist, was sie erreichen wollten.

Foto: Deutsches Nationaltheater Weimar

Veröffentlicht von Helene

director / mum / blogger / texter

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