Der Gertrud-Eysoldt-Ring

Am Samstag wird in Bensheim wieder mal der Gertrud-Eysoldt-Ring verliehen. Was es mit diesem Preis und der Schauspielerin, die hinter dem Preis steckt, auf sich hat, erfahrt ihr hier.

Seit 1986 vergibt die Stadt Bensheim zusammen mit der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste den Gertrud-Eysoldt-Ring, ein Vermächtnis des 1981 in Bensheim verstorbenen Theaterkritikers Wilhelm Ringelband, der den Namen der von ihm verehrten Max-Reinhard-Schauspielerin (1870-1955) mit einer Auszeichnung verbunden sehen wollte. Der Preis, der mit 10.000 EUR dotiert ist, wird für eine herausragende schauspielerische Leistung im Theater vergeben.
Zu den bisherigen Preisträger gehören z.B. Ulrich Mühe, Corinna Harfouch, Charly Hübner, Nina Hoss oder Wolfram Koch.

Wie die Jury am 21.12.2018 bekannt gab, ist der Träger des Eysoldtrings 2018
André Jung
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Die Jury unter dem Vorsitz von Barbara Frey mit Rita Thiele und Wolfram Koch, hat am 21. Dezember ihre Entscheidung bekannt gegeben. Der Gertrud-Eysoldt-Ring 2018 geht an André Jung.Die Begründung:

„Der luxemburgische Schauspieler André Jung, der zuletzt in Werner Düggelins Zürcher Inszenierung von ‚Lenz‘ als Erzähler mit grösster Sensibilität den unendlichen Kosmos von Georg Büchners Sprache auslotete, ist einer der feinsinnigsten, radikalsten und erstaunlichsten Bühnenkünstler unserer Zeit. Seine Gesamtleistung als Protagonist und als überzeugter Ensemblespieler über mehrere Jahrzehnte an grossen Häusern und in freien Produktionen ist unvergleichlich. Er ist ein Zauberer des Wortes und der Gesten, ein Meister der Unmittelbarkeit. Er kennt keinerlei Eitelkeit, ist immer Spieler und Jongleur, aber auch Wanderer am Abgrund.“

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Foto: Yves Binet

 

Kurt-Hübner-Regie-Preis

Auf Vorschlag Hans Lietzaus (1991) und später Kurt Hübners (1992 bis 2006) wird anläßlich der Vergabe des Gertrud-Eysoldt-Rings ein mit 5.000 EUR dotierter Förderpreis für Regie in Bensheim vergeben.

Peter Kümmel, Kritiker der ZEIT und Juror des Kurt-Hübner-Regiepreises, zeichnet Robert Icke für seine Inszenierung der „Orestie“ am Schauspiel Stuttgart aus.

Die Begründung:

Es ist das Jahr des Brexit. Man rückt auseinander, man errichtet wieder, was Europa schon mal in Überfluss hatte – Grenzen, Widerstände, Sichtblenden. Auch der kulturelle Verkehr zwischen Großbritannien und dem sogenannten Kontinent, also der Europäischen Union, wird unangenehm werden. Dagegen müssen die Künste sich wehren. Dagegen setzt diese Preisvergabe auch ein Zeichen.

Es hat aber nur zum kleinsten Teil einen politischen Grund, dass der Kurt-Hübner-Regiepreis in diesem Jahr an einen Engländer geht. Der wesentliche Grund ist, dass Robert Icke, von dem ich hier spreche, ein junger, hochbegabter Regisseur und Autor ist. Dieser Künstler hat es kürzlich gewagt, seine bereits ziemlich in Schwung gekommene heimische Karriere für ein paar Wochen ruhen zu lassen, um in Deutschland zu inszenieren. Icke, 32 Jahre alt, leitet in London ein wichtiges Theater, das Almeida Theatre, aber im Herbst 2018 hat er in Stuttgart am Staatstheater inszeniert – mit deutschen Darstellern, in deutscher Sprache.

Robert Icke hat die Orestie des Aischylos als Autor so bearbeitet und als Regisseur so inszeniert, dass die Macht heutiger Welterklärungssysteme (Medien, Justiz, Wissenschaften) einerseits und die Angst vor den Göttern der Antike andererseits einander nicht ausschließen, sondern im Gegenteil komplementär erscheinen. Orest und Agamemnon werden nicht nur von den Göttern bedrängt, sondern auch von Therapeuten, Journalisten und Juristen.

… Icke vergisst also in keinem Moment, uns darauf hinzuweisen, wie viel Zeit vergangen ist, seitdem Aischylos seine Trilogie schrieb. Aber er macht uns auch klar, dass nichts an unserer Welt so wäre, wie es ist, wenn es Aischylos nicht gegeben hätte. Robert Ickes Orestie hat eine unheimliche Wirkung: als sähen Vergangenheit und Gegenwart einander an – auf misstrauischer Augenhöhe. Und es ist fraglich, wer sich mehr fürchtet vor dem, was er da sieht. Icke ist, als Überbrücker von Schalt- und von Kulturkreisen, fürs deutsche Theater eine Entdeckung.

Wer war Gertrud Eysoldt?

Foto zur kommerziellen Nutzung

Als Schauspielerin konnte man sie als z.B. Salome, Lulu oder Penthesilea in Werken von Hofmannsthal, Ibsen, Strindberg oder Wedekind erleben.

In den 1920er Jahren unterrichtete sie an der Schauspielschule des Deutschen Theaters in Berlin rund 2000 Schülerinnen.
Von 1920 bis 1922 war sie Direktorin des Kleinen Schauspielhauses Berlin-Charlottenburg.

Dort setzte sie trotz Zensurverbots die Aufführung von Arthur Schnitzlers Reigen durch, weswegen sie im „Reigenprozess“ verklagt wurde, da man das Stück wegen seines unmoralischen Inhalts verboten hatte.
Gertrud Eysoldt war zweimal verheiratet und war Mutter zweier Söhne.

 

Die Preise werden am 16.03.2019 im Bensheimer Parktheater im Rahmen einer Festveranstaltung verliehen.

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