Rezension IM HERZEN DER GEWALT

Im Rahmen des Schulprojekts THEATERKRITIK schreiben die Schüler*innen nicht nur Vorberichte, sondern auch Kritiken.
Hier kommt die erste Rezension zum ersten Gastspiel
IM HERZEN DER GEWALT vom Thalia Theater Hamburg

von Paul Berg

Zugleich wärmend fürsorglich und mit bissiger Kälte drohend endet das erste Stück der diesjährigen Woche junger Schauspieler*innen mit dem Satz: „Ich bleibe bis du eingeschlafen bist und morgen komme ich wieder.“ Das von Franziska Autzen inszenierte autobiographische politische Drama „Im Herzen der Gewalt“ des französischen Autors Édouard Louis überstieg bei seiner Aufführung im Bensheimer Parktheater am 7. März 2019 bisher etablierte und bekannte Grenzen, sowohl durch die zwei Protagonisten Toini Ruhnke und Sebastian Jakob Doppelbauer, deren Schauspiel scheinbar keinen Rahmen kennt und duldet, als auch durch die Treffsicherheit und die Schwere des dargestellten Inhaltes. Von in Erinnerungen versunkenen, ruhigen Szenen bis hin zu explosiv und aggressiv wirkenden Szenen des Charakterwandels und der Verzweiflung, bedienten sich die Hauptdarsteller der gesamten Bandbreite und stiegen klimaxartig immer tiefer in ihre Rollen ein.

In ihrer Komplexität, bestehend aus vielfältigen und situationsbedingt oftmals wechselnden Charakteren, ambivalenten Aussagen, dem immerwährenden Strudel der Gedanken Èdouards über sein traumatisches Erlebnis kommt die Inszenierung des Hamburger Thalia Theaters erst vollends zur Geltung. Die Menschen in seinem Umfeld kreisen wie hungrige Asgeier um den in seinem Innersten zum seelischen Tod verurteilten Édouard. Es verschwimmen die gesellschaftlich akzeptierte und geförderte Lüge zusammen mit dem erhofften Wahrheitsvertrauen, das Bild des Opfers mit dem des Täters sowie das des familiären Zusammenhalts mit der Diskrepanz und Apartheit eines „Herausstechungswunschs.“

Auf der Bühne hängen weiße Laken, die durch ihre Reinheit beinah zu unscheinbar und unberührt aussehen, jedoch nach und nach den Blick auf das wahre Innere der Protagonisten, besonders das Édouards, freigeben, indem die Schauspieler aus der Emotion entspringend die Laken abreißen und die Sicht auf ein straff gespanntes, narbenartig geflicktes Tuch freigeben, vor dem wie in einem Schlachthaus die Fleischerhaken von der Decke hängen und bereits auf die Grausamkeit der Vergewaltigung, der Homophobie des Rassismus und der strukturellen Gewalt andeutet und letztendlich verstärken.

Thalia Theater
Copyright Krafft Angerer

Die eingesetzten Lichteffekte setzten die Charaktere sprichwörtlich in eine andere Dimension, mal voller als artifiziell erachteter Glücksmomente, mal in eine von Hass erfüllte Situation, die dem Besucher durch die ausdrucksstarke schauspielerische Leistung eine Gänsehaut verpasst und die konstante fühlbare Bedrängnis während des Stücks verstärkt. Vor beinah radikal wirkenden Ausarbeitungen wie beispielsweise eine Leinwand auf der Körperflüssigkeiten zu sehen sind, wird hierbei nicht zurückgeschreckt, sondern sie zur Gestaltung einer düster-erdrückenden Stimmung, die nach Auflösung schreit, genutzt. Die Musik von Johannes Hofmann spielt im Stück ebenfalls eine tragende Rolle; so beginnt das Stück mit einem französischen Chanson und fließt einstweilen untermalend im Zusammenspiel mit den Akteuren ein. Die Kostüme der Schauspieler, ausgewählt von Sina Brüggemann, erinnern durch ihre Einfarbigkeit zum einen an von Monotonie und sozialer Kontrolle geplagte Gesellschaften, die einen sensationslustigen „Hoffnungsschimmer“ in den Leidensgeschichten anderer erblickt und sich zum anderen in ihren lrankenhausähnlichen Roben als Ärzte sehen, die ihr Skalpell in die Geschichten anderer rammen und sich die Metastasen ähnelnden seelischen Geschwüre zur eigenen schockierenden Bereicherung vornehmen.

Thalia Theater
Copyright Krafft Angerer

Der ursprünglich retrospektiv geschriebene Roman von Édouard Louis wurde in ein facetten- und temporeiches Dialogstück auf die Hauptakteure zugeschnitten. Trotz der sich durchziehenden minimalistischen Ader wird besonders Clara (Toini Ruhnke) eine hohe Flexibilität abverlangt, denn sie spricht all das, was sie als Édouards Schwester denkt, jedoch auch das, was die Beamten der Justiz, Psychologen, Édouards verhängnisvolle Bekanntschaft Reda und andere sprechen und denken. Die schnellen Wechsel ziehen den Zuschauer durch die Vermengung von Figuren und die messerscharfen Dialoge ins Geschehen. Die Rückblicke des Romans gehen jedoch nicht verloren, sondern werden oftmals Rückblicke mit in das geschwisterliche Gespräch einbezogen. Der Verlauf des Geschehens verlangt die Konzentration und die Bereitschaft der Zuschauer, um eine erschreckende, langsam realisierbare Klarheit hinter Erinnerungsfragmenten, eigenen Interessen und den unter Unterdrückung geformten Charaktereigenschaften der Protagonisten zu erkennen.

Die bereits bei der Premiere als „Hochenergetisch und intensiv“ (Katrin Ullmann, taz nord, 18.9.2018) empfundene vierte Produktion der Regisseurin Franziska Autzen, die, wie sie bei der Auftaktveranstaltung berichtete, erst gar nicht für sie zugedacht war, wurde bei der Aufführung im Parktheater von circa 200 gespannten Zuschauern besucht, deren Spannung sich durch den rasanten, entblößenden und beklemmenden Inhalt bis zum Schluss des Stücks durchzog und nach dem Ende ein beinah verstört bedrücktes Schweigen hervorrief, welches mit einem der Atmosphäre angepassten, gediegenen Applaus endete, der wie ein Befreiungsschlag wirkte.

 

Fotos: Krafft Angerer

Veröffentlicht von Helene

director / mum / blogger / texter

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