Vorbericht IM HERZEN DER GEWALT

Hier kommt der erste Vorbericht im Rahmen des Schulprojektes: THEATERKRITIK

Im Herzen der Gewalt von Édouard Louis am Thalia Theater

von Paul Berg

„Keine Fingerabdrücke hinterlassen, keine Fingerabdrücke hinterlassen“, erklingt es wie ein Mantra, während der Protagonist Édouard nach einer einschneidenden Gewalterfahrung die unschuldig wirkenden weißen Laken auf der Bühne von den Ereignissen „reinzuwaschen“ versucht. Doch schnell wird klar, dass der seelische Fingerabdruck bei Édouard bis an seine Substanz geht und ihn, sowie die Zuschauer, nicht ohne weiteres zurück lässt.

Im Zuge der 24. von der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste veranstalteten „Woche junger Schauspieler*innen“, präsentiert das Hamburger Thalia Theater am 7. März das autobiographisch geprägt politische Drama „Im Herzen der Gewalt“, nach dem gleichnamigen Roman von Édouard Louis. Die von Franziska Autzen geleitete Inszenierung eröffnet die bereits kulturell fest etablierte „Woche junger Schauspieler*innen“ in Bensheim und bedient sich in ihren 90 Minuten Spielzeit vielerlei Themen über strukturell psychische Gewalt durch Sprache und Politik, psychische Gefangenschaft, Scham, Rassismus und Homophobie .

Wenn die Flucht zum Alptraum wird

Der homosexuelle Franzose Édouard lebt mit seiner Familie in der nord-französischen Provinz, wo er aufgrund seiner sexuellen Ausrichtung als Außenseiter betrachtet wird und von den anderen Einheimischen beschimpft und als Gefahr gegen den Familienfrieden angesehen wird. Édouard jedoch schafft es, seine provinzielle Heimat zu verlassen und zieht nach Paris, in die Stadt, die aus der Sicht Édouards alles verkörpert, nach dem er sich auf dem Land sehnte: Freiheit. Diese Freiheit scheint er dort auch zu finden, bis ihm eine vorerst vielversprechende Begegnung zum psychischen Verhängnis wird.
Am Weihnachtsabend trifft Édouard auf den nächtlichen Pariser Straßen Reda, einen algerischen Zuwanderer, der sein Vertrauen gewinnt, sodass Édouard in zu sich nach Hause mitnimmt. Die anfänglich schöne Nacht avanciert jedoch zu einem Gewaltakt. Reda bedroht Édouard, beraubt ihn, versucht in zu erwürgen und vergewaltigt ihn. Der innerlich vollkommen zertrümmerte Franzose flüchtet sich erneut in die Provinz zu seiner Schwester, die die Geschichte ihres Bruders ihrem Mann erzählt. Daraufhin fühlt sich Édouard seiner Geschichte beraubt und er findet sich „Im Herzen der Gewalt“ wieder. Als dann noch die bohrenden Fragen der Justiz und der zu spürende Alltagsrassismus hinzukommen, verliert sich Édouard im Chaos seiner Gedanken, die sich um die stetig aufkeimende Erinnerung der Nacht mit Reda dreht. Die Gewalterfahrung und die Hierarchie der Klassen in der Gesellschaft kreisen wie ein Wirbelsturm aus Gedanken um Édouard und leiten über zur Frage, wie die französische Gesellschaft funktioniert oder gerade nicht funktioniert. Es herrschen Vorurteile und vorschnelle Entschlüsse sowie rückblickende Nostalgien, wodurch eindeutige Schuldzuweisungen und die Klarheit der Opferfrage ins Wanken geraten. Das Verschwimmen von Schein und Sein, Unterdrückten und Unterdrückern als auch die auffällige Omnipräsenz von Stereotypen lässt alle Beteiligten nicht unberührt.

„Unsere Welt ist tief von Gewalt geprägt“, erklärt der Autor Édouard Louis, „die einzige Möglichkeit, die Gewalt zu bekämpfen, ist, darüber zu sprechen.“

Die zwei Hauptdarsteller Toini Ruhnke (Clara) und Sebastian Jakob Doppelbaum (Édouard) wurden bereits in der Vergangenheit für ihre beispielhafte schauspielerische Arbeit hoch gelobt. Begleitet werden sie von dem Musiker Johannes Hofmann.

Foto: Krafft Angerer/ Thalia Theater

 

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